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Reise ohne Rückkehr

Eine Geschichte über Mut, Freiheit und Liebe
Naser Jumaa flüchtete in einem Schlauchboot nach Europa. Er hat sich in Pfaffenhofen ein neues Leben aufgebaut.
VON STEFANIE HERKER
Welche Dinge nehmen Sie mit, wenn Sie sich auf eine Reise begeben? Wenn wir in den Urlaub fahren, machen wir den Koffer voll. Für alle Fälle. Was, wenn es regnet? Was, wenn wir uns beim Abendessen zehnmal bekleckern? Was, wenn ein Vulkan ausbricht? Welche Dinge würden Sie mitnehmen, wenn Sie gar nicht wüssten, wohin die Reise führt? Und was, wenn es keine Rückkehr gäbe? Welche Dinge würden Sie mitnehmen, wenn Sie von Ihrem Zuhause fliehen müssten und nur einen Rucksack tragen könnten? Es würde uns das Herz brechen. So viele Erinnerungen einfach zurückzulassen. Geflohene Menschen nehmen alles in Kauf. Bis hin zum eigenen Tod. In der Hoffnung auf ein sichereres Leben. Wir sollten niemanden verurteilen, wenn wir seine Geschichte nicht kennen. Menschen lieben doch Geschichten. Sie erzählen sich welche seit jeher.
Aber wir leben in einer hektischen Zeit, kommen selten ins tiefere Gespräch mit Mitmenschen. So würden wir das weniger Vertraute, Fremde, Andersartige besser verstehen. Wir bewegen uns in einer oberflächlichen Welt, in der jeder nur seine Schokoladenseite präsentieren möchte. Dabei hat jeder seinen Rucksack zu tragen. Wahrscheinlich wären die Menschen netter zueinander, wenn dieser Rucksack durchsichtig wäre und jeder sehen könnte, was sich darin befindet. Dann gäbe es weniger Neid. Und ohne Neid weniger Hass und weniger Gier. Ohne Hass mehr Liebe. Ohne Gier weniger Kriege. Klingt fast einfach. Aber durchsichtige Rucksäcke und Menschen, die ganz genau hinschauen, sind äußerst selten.

Ich habe den Instagram Account von Naser Jumaa schon eine Weile verfolgt. Er ist Fotograf, wohnt in Pfaffenhofen. Da ich auch fotografiere, sind wir zwar miteinander vernetzt, haben uns aber nie kennengelernt.
Alles, was ich bis vor Kurzem von ihm wusste, war, dass er wohl während der Flüchtlingswelle vor einigen Jahren nach Pfaffenhofen kam. Ich habe ihn also angeschrieben und gefragt, ob er seine Geschichte, welche das auch sein mag, in unserem Magazin erzählen möchte. Dass er diese Geschichte erst zum zweiten Mal erzählt, manche Dinge davon zuvor noch nie über seine Lippen kamen, erfahre ich erst später.
Naser treffe ich in seinem Zuhause in Pfaffenhofen. Seine mit einem einzigen Blick zu erfassende, aber sehr liebevoll eingerichtete Wohnung wirkt fast wie ein botanischer Garten. Über seinem Bett hängt ein rotes Rennrad. An den Nagel gehängt hat er dieses allerdings nicht wirklich. Bei schönem Wetter fährt er gerne damit durch die Hallertau. Gleich neben dem Bett befindet sich sein Working-Space mit Laptop und Fotokamera – sein Lieblingsdings. Dahinter eine Couch, ein weißer Couchtisch auf einem bunten Rauten-Teppich, daneben die Kaffeemaschine, frisches Obst und Gemüse im Körbchen, eine Küchenzeile. Er kocht gerne selbst. Mit einem in die Wohnung integrierten Fotostudio hat sich Naser einen Traum erfüllt. Hier fotografiert er nebenberuflich am Wochenende. Hauptberuflich ist er Zahnmedizinischer Fachangestellter in einer Kieferorthopädischen Praxis. Bei einem Cappuccino sitzen wir schließlich auf seinem kleinen, aber sonnigen Balkon auf der Südseite Richtung Straße.

Naser spricht fast perfekt Deutsch. Man könnte meinen, er wäre hier geboren. Dabei ist er erst seit zehn Jahren hier. Mit 19 floh er von Syrien nach Deutschland, Endstation Pfaffenhofen. Es war wohl die Reise seines Lebens. 2200 Euro hatte er für diesen Weg gespart. „Ich kam mit 50 Cent in Pfaffenhofen an“, erzählt er. Doch fangen wir von vorne an.
Naser Jumaa ist in Palmyra, Syrien geboren. Zusammen mit seinen Eltern und seinen sechs jüngeren Geschwistern (fünf Brüder, eine Schwester) lebte er in Palmyra bis zu seinem 18. Geburtstag. Naser hat das Abitur in Syrien gemacht. Mit 18 hätte er zur Armee gemusst. Es herrscht Armeepflicht in Syrien, seit 2011 ist Krieg. „Ich hatte das Glück, dass mein Vater mich unterstützen konnte, so dass ich Pharmazie studieren durfte und nicht als Soldat eingezogen wurde. Ein Studium oder eine Schule sind der einzige Weg, um der Armee zu entfliehen. Meinem Vater war es sehr wichtig, dass ich einen guten Beruf lerne. In Syrien sind Berufe wie Arzt, Apotheker oder Ingenieur hoch angesehen.“ Naser war gerade im zweiten Semester an einer privaten Universität in Damaskus, als der IS in seiner Heimatstadt Palmyra Terror verbreitete. „Für mich war klar, ich muss hier so schnell wie möglich weg. Ich wollte ehrlichgesagt immer schon raus aus Syrien. Ich wollte meine Zukunft in einem sicheren Land verbringen.“
In Damaskus lebte er zusammen mit seiner Oma, zwei Tanten und deren Kindern in einer 2-Etagen-Wohnung. „Als ich mich dann doch recht kurzfristig dafür entschied, das Land zu verlassen, zog meine Oma zurück zu meinen Eltern. Sie wollten in Syrien bleiben.“ Naser und sein Cousin hinterließen alles, was sie hatten. Sie packten einen Rucksack und begaben sich auf eine ungewisse Reise.

Auf meine Frage, was er in seinem Rucksack hatte, sagt er: „Meinen Pass, ein paar Dokumente, ansonsten lauter Dinge, die ich jetzt nicht mehr habe!“ Sein Weg führt ihn zunächst in den Libanon. Vom Libanon fliegt er in die Türkei. Der gefährlichste Teil der Reise war die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland. „Wir waren 36 Personen in einem sechs Meter langem Schlauchboot mit kleinem Motor. Wir befanden uns neun Stunden lang im Meer.“ Auf dieser Route ertranken schon zahlreiche Menschen. In der Hoffnung auf ein neues Leben ohne Krieg und Terror nahmen die jungen Männer das in Kauf. „Ich bin mir bewusst, dass ich einer von denen war, die Glück hatten!“ Naser und sein Cousin hatten die Überfahrt geschafft. „Es war kräftezehrend“, erinnert sich Naser.
Sein Ziel war es nun, nach Deutschland oder Dänemark zu kommen. Von Griechenland aus setzten die jungen Männer ihre Reise auf dem Landweg fort. „Ich war am Ende meiner Kraft, als ich in Deutschland ankam. Wir wurden nach München gebracht. Von dort aus verteilte man uns in umliegende Orte. Ich und mein Cousin kamen zunächst in der ehemaligen Trabrennbahn in Pfaffenhofen unter. Es war eine große Halle, voll mit Betten, abgetrennt mit Trennwänden. Wir hatten keine Privatsphäre, aber ein Dach über dem Kopf und dreimal am Tag gab es eine Mahlzeit. Wir bekamen zusätzlich 150 Euro im Monat.“

Doch darauf wollte sich Naser nicht ausruhen und steckt sich ambitioniertere Ziele: So schnell wie möglich Deutsch lernen, um hier studieren zu können. Nach etwa einem halben Jahr an der Trabrennbahn werden er und sein Cousin zusammen mit weiteren Geflohenen in ein vom Landratsamt gemietetes Haus in Hettenshausen verlegt. Dort zahlt er keine Miete, erhält 300 Euro vom Staat für seinen Lebensunterhalt. Er nimmt an einem Förderprogramm teil, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Am Ende des Sprach-Stipendiums an der LMU in München erreicht er das C1 Sprachniveau, das ihm „fast muttersprachliche Kenntnisse“ attestiert. 2017 erhält er seine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung.
Im April 2018 tritt Naser seinen ersten Job in Pfaffenhofen an – in der Eisdiele Eiskult, direkt vor der Haustüre seiner ersten „eigenen“ Wohnung. Sein Cousin wohnt jetzt in Förnbach. Ein halbes Jahr später beginnt Naser seineAusbildung als Zahnmedizinischer Fachangestellter, ebenfalls in Pfaffenhofen. „Ich habe akzeptiert, weniger Geld zu haben, dafür eine Lehre.“ 2019 gibt ihm seine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zusätzliche Motivation. Er schließt 2021 die Lehre ab und erhält direkt im Anschluss eine Vollzeitstelle in der Zahnartzpraxis. 2022 erhält er die Deutsche Staatsbürgerschaft. Aktuell ist Naser in einer Kieferorthopädischen Praxis angestellt und wohnt alleine in einer 46-Quadratmeter-Wohnung zur Miete. Diese bezahlt er von seinem Lohn.

„Mein Ziel war ursprünglich das Zahnmedizin-Studium, aber wahrscheinlich war das mehr der Wunsch, meinen Vater stolz zu machen, als mich selbst“,
gesteht er sich ein. „Eigentlich bin ich mit der Situation, so wie sie gerade ist, ganz glücklich. Die Fotografie ist mir im Moment das Wichtigste. Ich bewerbe mich trotzdem jedes Semester auf einen Studienplatz für Zahnmedizin“, lacht er, „allein für die Bestätigung, dass ich es machen könnte“, ergänzt er. Aufgrund des Numerus Clausus wurde er bisher noch nicht zugelassen. Bei allem, was er tut, steht ihm seine Freundin Yamina zur Seite. Yamina ist Deutsche und macht eine Jazz-Ausbildung in München. In Nasers Freundeskreis sind überwiegend Deutsche. „Ich wollte alles hinter mir lassen, in Deutschland eine neue Tür aufmachen. Ich spreche auch viel lieber Deutsch als meine Muttersprache. Wenn ich die arabische Sprache höre, bin ich tatsächlich manchmal verwirrt.“

Rassismus habe er kaum erlebt. „Einmal wurde ich von einem Radfahrer im Vorbeifahren beleidigt. Aber ich bin schon der Typ, der etwas sagt. Die Person habe ich kurz darauf als Kunden im Eiskult wieder getroffen und wir kamen ins Gespräch. Ich habe dann ein paar Worte bayerisch von ihm gelernt. Meine Erfahrung sagt, es sind nicht die Menschen, die Schuld trifft, sondern die Art, wie die Regierung mit ihnen umgeht. Im Zuge meiner Staatsbürgerschaft habe ich mich viel mit Politik beschäftigt.“ Besonders anstrengend empfindet er die deutsche Bürokratie. Was Freiheit für ihn heißt? – „Ich will einfach nur von A nach B gehen können, ohne mir Sorgen zu machen, dass etwas passiert.“ Und das kann er in dieser Kleinstadt. „Pfaffenhofen ist meine Heimat geworden.“
Übrigens war Naser der erste aus seiner Familie, der nach Deutschland kam. Mittlerweile lebt eine seiner Tanten in Stralsund, ein Teil der Familie in Kopenhagen, eine andere Tante in London.

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