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Freie Wähler finden Drag-Lesung nun doch „absolut in Ordnung“

Nachdem FW-Fraktionsvorsitzender Hans Stachel in der Drag-Lesung für Kinder zuerst noch einen „pädagogisch völlig falschen Ansatz“ sah, rudern die Freien Wähler nun in einer weiteren Pressemitteilung zurück. Das liegt vor allem daran, dass sich FW-Stadtrat Raimund Reibenspieß selbst ein Bild der Veranstaltung machte – doch auch eine Mail von Drag Queen Vicky Voyage an die Partei dürfte eine Rolle gespielt haben.
In Ingolstadt haben sich die Wogen wieder geglättet. Doch so ganz ist das Thema „Drag-Lesung für Kinder“ noch nicht überstanden. Am Montag, dem Tag der Lesung, hatte die Diskussion ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht, doch Drag Queen Vicky Voyage hatte einen Tag darauf noch Redebedarf und verfasste eine (gesalzene) Mail an die Freien Wähler Ingolstadt.
„Ich bin es leid, Spielball der Politik zu sein“, schreibt sie darin und stellt einige Dinge aus der ersten Pressemitteilung der FW klar: „Ich tanze normalerweise nicht spätabends im Glitzer-BH an der Stange. (…) Genau so wenig ist Eric kein Striptease-Tänzer! Aber hey, kann man im Eifer des Gefechts, v.a. um Wählerstimmen zu fangen und wenn man die Gesellschaft spalten will, ja mal verwechseln.“ Sie verweist dabei auf einen von ihr geführten Rechtsstreit gegen Vizeministerpräsident Hubert Aiwanger. Wegen Verstoßes gegen Bild- und Persönlichkeitsrechte hätte dieser „Anwalts- und Gerichtskosten im vierstelligen Bereich“ tragen müssen, die Streitsache endete in einem Vergleich. Vicky Voyage bittet daher um Entfernung der „aufgeladenen und sexualisierten Passagen“, „damit euch diese Erfahrung erspart bleibt.“ Aiwanger schaltete sich im Vorfeld der ersten vieldiskutierten Lesung – damals in München – in die Diskussion ein und nannte die Veranstaltung u.a. „Kindeswohlgefährdung“.
Die Verärgerung über die vor der Lesung verfasste Pressemitteilung der Freien Wähler Ingolstadt ist in den Zeilen deutlich herauszulesen. In der Drag-Rolle könne man auch „einfach mal direkt sein“, sagt Vicky Voyage zu ihrer Mail.
Vielleicht muss man auch einmal darauf hinweisen: Hinter der vielen Schminke, der Perücke, den aufgeklebten Wimpern und der Kunstfigur als Ganzes steckt: ein Mensch. Schwer vorstellbar, was es mit einem macht, wenn man sich plötzlich ungehemmter Kritik ausgesetzt sieht, die vor allem in Sozialen Medien keine Grenzen zu kennen scheint.
Zum Ende der Pressemitteilung heißt es: „Kleiner Tipp: Seid ‚echte Männer‘, wie es im Buch ‚Echte Jungs wie du und ich‘ von Scott Stuart geschrieben steht und das wir gelesen haben, und entschuldigt euch in einer neuen Pressemitteilung beim Kulturamt und allen Bürger:innen für euren Text vom 01.03.2024, wenn ihr wirklich auf gesellschaftlichen Frieden aus seid und euch klar von Hass, Hetze, Diskriminierung und der AfD-Ecke abgrenzen wollt!“

„Absolut in Ordnung“
Vicky Voyage hatte nicht mit einer Antwort gerechnet. Am Mittwoch aber eine neue Pressemitteilung der Freien Wähler, in der die Partei zurückrudert: „FW-Stadtrat Raimund Reibenspieß besuchte die Veranstaltung selbst, um sich ein genaues Bild zu verschaffen“, heißt es darin. Hans Stachel, Vorsitzender der Ingolstädter Stadtratsfraktion der Freien Wähler, zieht daraus das Fazit: „Die Lesung war im Nachhinein gesehen absolut in Ordnung.“
So, wie die Veranstaltung beworben und angekündigt worden sei, hätte sie sich nicht entpuppt. „Es war am Ende eine kindgerechte Lesung – und auch die Personen selbst kamen nicht als Drag-Queens auf die Bühne“, sagt Hans Stachel. Dazu muss man sagen: Natürlich waren die beiden als Drag Queen und Drag King zur Lesung erschienen. Diese Kunstform ist nicht grundlegend eine sexuelle, wie man anzunehmen scheint.
Angekündigt hatte das Ingolstädter Kulturamt wie folgt: „Drag Queen Vicky Voyage mit Drag King Erik BigCl!t nehmen euch mit in farbenfrohe Welten, die unabhängig vom Geschlecht zeigen, was das Leben für euch bereithält und dass wir alles tun können, wenn wir an unseren Träumen festhalten! Sie lesen aus Bilderbüchern vor, die von den unterschiedlichsten Held*innen erzählen: Jungs in Kleidern, Prinzessinnen mit ihrem eigenen Willen, den Farben Blau und Rosa, von Kaninchen und Füchsinnen, dem Entdecken der eigenen Freiheit und vielem mehr.“ Ziemlich genau so lief es dann auch ab, wie in unserem Bericht nachzulesen ist.
Das K-Wort
Stein des Anstoßes war für viele der Künstlername „Eric BigClit“, der übersetzt große Klitoris bedeutet.
„Kritik muss sich das Kulturamt dennoch gefallen lassen“, meint Hans Stachel in der Pressemitteilung. Das Ingolstädter Kulturamt sei unsensibel mit einem sensiblen Thema umgegangen. „Diese Veranstaltung hätte viel geräuschloser über die Bühne gehen können“, sagt er, „wenn man nicht Drag Queen und Drag-King BigClit angekündigt hätte, denn nur hierdurch wurde ein Interpretationsspielraum eröffnet.“
Auch hier muss man sagen: Dass sich Drag King Eric BigClit nicht mit diesem Namen, sondern mit „Prinz Eric“ bei den Kindern vorstellt, war spätestens seit Juni 2023 durch ein ZEIT-Interview bekannt. Durch saubere Recherche hätte sich der „Interpretationsspielraum“ minimiert.
Am heutigen Donnerstag erreicht die espresso-Redaktion eine weitere Pressemitteilung der Freien Wähler, in der sie sich deutlich von der AfD distanzieren.
Reaktionen auf espresso-Bericht
Die Reaktionen auf unseren Bericht zur Lesung waren fast ausschließlich positiver Natur. Nur zwei kritische Rückmeldungen erreichten uns. Wobei man zweitere nur widerwillig in die Kategorie „Kritik“ stecken möchte. Der Verfasser findet unsere Berichterstattung „unerträglich“ (sein gutes Recht). Bereits im nächsten Satz bringt er seine „maßlose Enttäuschung“ zum Ausdruck, dass damals §175 StGB abgeschafft wurde. Der Paragraph stellte Homosexualität unter Strafe. Homosexualität sei „wider die Natur und stört jede zivilisierte Gemeinschaft“. Und: „Transvestiten sind keine ‚Queens‘ sondern eine Schande, und Kinder sollten dazu angehalten werden solche Abscheulichkeiten zu verurteilen ! Ihre Berichterstattung feiert eine Dekadenz, welche den natürlichen Lebensraum der Menschen zerstört – hier ist Toleranz fehl am Platz !“
Auch wenn die Kunstform Drag erstmal nichts mit Homosexualität (oder irgendeiner Form von Sexualität) zu tun hat, wie der Verfasser meint: Vielleicht sollte man einmal die Perspektive wechseln. Macht es das Leben eines Kindes besser, wenn es nichts von Homo- oder Transsexualität weiß? Wenn es sich fragt: Was stimmt nicht mit mir? Wenn es nicht versteht, warum es sich „im falschen Körper“ fühlt? Oder ein Leben lang das Gefühl hat, sich vor den Eltern, der Gesellschaft, verstecken zu müssen?

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