Ist die Demokratie in Gefahr, Herr Mißlbeck?

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Ist die Demokratie in Gefahr, Herr Mißlbeck?

Michael Mißlbeck will im kommenden Jahr in den Ingolstädter Stadtrat einziehen | Fotos: Sebastian Birkl

Zu Gast in »Mig’s Bibliothek« und zu Gast bei Michael Mißlbeck

Mit im Gepäck hat espresso-Redakteur Sebastian zwei große Gesprächsthemen: Literatur & Politik. Eine Nummer kleiner ging es nicht.

Ortsbesuch am Rande Gerolfings. Mißlbecks Tochter Franziska öffnet die Tür. Kurz darauf tritt ihr Vater heran. Rasch geht es hinauf in den ersten Stock – in Mißlbecks Bibliothek. Ein relativ kleiner Raum, an der Wand ein imposantes Bücherregal, davor ein Ohrensessel, ein kleiner Schreibtisch und an der Wand das eingerahmte Familienwappen.

Was wir dort erfahren: Warum Mißlbecks Onkel einmal fast US-Präsident geworden wäre, dass der UWG-Politiker im kommenden Jahr gerne Stadtrat werden möchte und dass Dostojewski immer noch ziemlich aktuellen Stoff liefert. Aber alles zu seiner Zeit.

Michael Mißlbeck war bis Sommer 2024 Geschäftsführer des Traditionsunternehmens MT Technologies. Im Februar 2025 verkündete das Unternehmen das endgültige Aus. Aktuell sitzt er in beratender Funktion in verschiedenen Beiräten. In den letzten Monaten war er Wahlkampfleiter für Christian De Lapuente.

Vom Vielleser zum Booktoker

Mißlbeck Nach dem ersten obligatorischen Schluck Espresso für den espresso-Redakteur die erste obligatorische Frage: „Haben Sie die alle gelesen?“. In der Regel erntet man hier ein Nein, gefolgt von ein paar Erklärungs- oder Rechtfertigungsversuchen. Mißlbeck antwortet schlicht: Ja. Das mag angesichts hunderter Bücher für manchen erstaunlich klingen, an anderer Stelle aber lagern noch einmal 20 Bücherkisten. Ein Vielleser also. Längst ging der Platz in der Bibliothek aus. 50 bis 80 Bücher kommen jedes Jahr hinzu, sagt Mißlbeck. Und zwar im doppelten Sinne: einmal als digitale Version für seinen eReader, einmal als Hardcopy. Die liest er dann auch, wobei da auch viel „Popcornliteratur“ dabei sei – und er generell schnell lese. Amazon ist gar nicht seins, dafür stöbert er umso lieber durch kleine Buchhandlungen. Sympathisch. Besonders gerne liest er „epische Romane“. Sein Lieblingsroman: Doktor Faustus von Thomas Mann.

Dass er sich mit Literatur auskennt, merkt man schnell. Was liegt also näher, als dass der 55-Jährige zum Booktoker wird? Seit kurzem präsentiert der leidenschaftliche Leser seine Literaturempfehlungen in kurzen Videos unter dem Titel „Mig’s Bibliothek“. Nicht auf Tiktok, aber auf Instagram. Nur hat sich Bookgrammer als Begriff eben einfach nicht durchgesetzt (und wird es vermutlich auch nicht tun). Zwar sind es erst zwei Buchempfehlungen, weitere sollen aber folgen. Eine weitere Idee Mißlbecks: „Mig macht Mittag“. Da plaudert er ebenfalls in kurzen Videos mit verschiedenen Gästen am Mittagstisch. Im März etwa mit Django Asül. Man merkt: Mißlbeck will in der Stadt bekannter werden. Das liegt sicherlich auch an der Kommunalwahl im kommenden Jahr. Als das Bündnis aus SPD, Grünen, ÖDP, UWG und Linke sich dazu entschied, bei der Oberbürgermeisterwahl einen gemeinsamen Kandidaten ins Rennen zu schicken, standen intern Christian De Lapuente und Michael Mißlbeck zur Wahl. Am Schluss entschied man sich für De Lapuente. Unter anderem deshalb, weil dieser in der Stadt bekannter war als Mißlbeck.

Schon bald schwingt das Gespräch auf literarische Schwergewichte, ehe das Gespräch zu sprachlichen Leichtgewichten überschwappt. Erst Dostojewski. Dann Trump.

Mit wem kann man sich heutzutage schon noch über Dostojewski unterhalten? Michael Mißlbeck ist auf jeden Fall einer von ihnen. Dostojewskis „Böse Geister“ möchte er bald auf seinem Instagramkanal vorstellen. „Eine bitterböse Geschichte.“ Den (im wahrsten Sinne des Wortes) großen Klassiker „Die Brüder Karamasow“ hat er natürlich ebenfalls gelesen. Ein Kapitel darin: Der Großinquisitor. „Was wäre, wenn Jesus Christus tatsächlich wieder auf die Erde käme?“, gibt Mißlbeck die zentrale Frage des Gleichnisses wieder. „Frappierend ist, dass der Großinquisitor am Schluss zu Jesus sagt: Ich glaube, dass du es bist. Aber ich werde dich jetzt hinrichten, weil du nicht in unsere Zeit passt. Du störst unser Weltbild.“ Wie aktuell dieses Gleichnis ist, zeigt ein virales Video eines Comedians, der Trump-Anhänger auf der Straße befragt. Ob man denn Jesus ins Land lassen würde? Lustigerweise lautet die Antwort einer Frau im vermeintlich so gläubigen Amerika: Wenn er die nötigen Papiere habe, dann ja. Spoiler: Jesus überlebt im Dostojewski-Gleichnis. Ob er auch den Grenzübertritt in die USA überleben würde?

Heilsbringer Trump?

Und damit sind wir in den USA. Und damit bei Donald Trump. Was hält Mißlbeck von ihm? „Ich finde es traurig, dass wir jetzt wieder in einer Zeit leben, wo Menschen wie Donald Trump so großen Zuspruch finden. Wenn jemand alles Bestehende zerschlägt und den sozialen Konsens bewusst zerstört, wird es leider brandgefährlich.“ Man müsse sich aber auch fragen, was passieren musste, damit die Leute „so jemanden wie Trump wählen“. Trump sei ein Extrem, das wir aber auch in vielen Bereichen hier in Deutschland hätten. Mißlbeck meint die AfD. „Als Trump zum ersten Mal gewählt wurde, waren hier viele überrascht, ich nicht“, sagt er. Mißlbeck hat Verwandtschaft in den USA. Einen Grund in der Popularität Trumps sieht Mißlbeck in der Verarmung der Industriearbeiter und die Wut, die daraus entstand. „Trump hat es geschafft, die Wut zu kanalisieren. Er wurde zum Heilsbringer auserkoren. Die Menschen sind ja nicht blöd, aber sie lassen sich durch solche Führertypen schlicht und einfach verzaubern.“

Auch in Unternehmerkreisen sei Trump öfter Gesprächsthema. Dann heiße es: „Der macht doch wenigstens was, der setzt was durch.“ Mißlbeck kann das nicht nachvollziehen. Mit seinem Regierungsstil per Dekret tut er sich schwer. „Man ist damit schnell im Bereich des einen, glorreichen Führers. Das kann aber auch ganz schnell in etwas umschlagen, das wir nicht wollen. Eine parlamentarische Demokratie hat etwas mit Konsensfähigkeit zu tun. Wir gestalten gemeinsam etwas und bringen gemeinsam etwas voran – und das dauert halt.“ Das sei aber nunmal unpopulärer als „ein Haudrauf wie Trump“.

Dunks & Democrats

Kommen wir zu Mißlbecks Verwandtschaft in den USA. Sein Onkel: Bill Bradley. Der spielte nicht nur 10 Jahre für die New York Knicks Basketball in der NBA, er saß auch noch 18 Jahre lang als Vertreter des Bundesstaates New Jersey im US-Senat. Der ganz große Wurf wäre ihm fast im Jahr 2000 als Präsidentschaftskandidat gelungen. Die Demokraten entschieden sich aber am Ende für Al Gore. Und der unterlag bei der Präsidentschaftswahl bekanntlich dem Republikaner George W. Bush. Ob Bradley Bush ausgestochen hätte?

Auch Michael Mißlbecks Tante (Bill Bradleys Frau von 1974 bis 2007) ist keine Unbekannte. Ernestine Bradley ist eine geborene Mißlbeck und die Schwester des ehemaligen Ingolstädter Bürgermeisters Sepp Mißlbeck. Die Hochschullehrerin wanderte bereits 1957 nach Amerika aus und hat sogar (ebenso wie Bill) ihren eigenen Wikipedia-Eintrag, auf den wir an dieser Stelle einmal verweisen möchten. Spannend: Bill Bradley lernte sie 1970 kennen, damals war sie noch Redakteurin und traf den Basketballstar für ein Interview.

„Mir kommen da langsam gewisse Zweifel“

Zurück über den Atlantik. Politisch betrachtet hat der Name Mißlbeck in Ingolstadt natürlich Gewicht. Das liegt vor allem an Sepp Mißlbeck, Vater von Michael Mißlbeck und langjähriger dritter Bürgermeister Ingolstadts. Sepp Mißlbeck steht kurz vor seinem 81. Geburtstag – und sitzt noch immer im Stadtrat. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er 2026 nicht noch einmal auf einer Stadtratsliste auftauchen wird. „Zumindest sagt er das“, lacht Michael Mißlbeck. Aber will der Sohn wie der Vater? Also in den Stadtrat? „Ich möchte mich schon darum bewerben, ganz klar.“ Michael Mißlbeck, kommunalpolitisch wie der Vater der UWG anhängig, war in den letzten Monaten Wahlkampfleiter für den Bündnis-Kandidaten Christian De Lapuente.

Folgende Frage treibt uns in der espresso-Redaktion für diese Ausgabe besonders um, daher stellen wir sie am Ende unseres Besuches: Ist die Demokratie in Gefahr? „Eine Frage, die ich vor zwei, drei Jahren noch ganz klar verneint hätte. Ich dachte immer, dafür sind wir zu aufgeklärt. Auch wegen unserer Geschichte“, sagt Mißlbeck. „Aber mir kommen da langsam gewisse Zweifel. Das ist auch ein Punkt, warum ich mich politisch engagiere. Man darf nicht immer nur über die anderen schimpfen, man muss zumindest zur Wahl gehen oder man muss sich – wenn ich schon alles so schlecht finde – positiv engagieren und das Feld nicht den anderen überlassen“, fordert er. „Ich finde das wirklich erschreckend und tieftraurig, dass man heute nicht mehr vernünftig diskutieren kann. Jeder kann doch eine eigene Meinung haben und vertreten. Aber es greift sofort ins Persönliche über. Man greift sich Gruppen heraus, die an allem schuld sein sollen, die sogenannten Sündenböcke – und dann geht’s los.“

Auf seinem Instagramaccount gibt Michael Mißlbeck unter der Rubrik „Mig’s Bibliothek“ Literaturtipps. Den Anfang machte er mit „Herkunft“ von Sasa Stanisic und „Gute Geister“ von Kathryn Stockett, weitere sollen folgen.

IG @michaelmisslbeck

Speziell für espresso 04/2025 baten wir Michael Mißlbeck um einige weitere Buchtipps.

Mißlbecks Buchtipps

Die Demokratie ist in Gefahr. Rechtsextremismus wird wieder en vogue. Zeit daran zu erinnern, wohin uns das schon einmal geführt hat. Auch zu diesem Thema ist Michael Mißlbecks Bibliothek bestens gefüllt.

Warum dieses Sachbuch? Den dort diskutierten Begriff des "Entzivilisierungsschubs" finde ich sehr erscheckend.
Wie kam es im Deutschland der 30er Jahre zu diesem Schub, der die Hitlerepoche erst möglich machte? Wenn man das Buch von Norbert Elias (1897-1990) liest und sich die heutige Entwicklung anschaut, gibt es Parallelen, die einen dazu bewegen sollten, für die Demokratie einzustehen.

Es ist nicht nur die Neuerzählung des Fauststoffes, sondern auch mein Lieblingsbuch. "Doktor Faustus" hat einen starken Bezug zum Nationalsozialismus. Was passiert, wenn man tatsächlich seine Seele verkauft? Es ist ein episches Werk, mit über 800 Seiten - aber jede Seite lohnt sich! Für mich ist es einer der sprachgewaltigsten Romane von Thomas Mann. Er musste bekanntlich ins Exil gehen.

Übrigens schlug Thomas Mann im Jahr 1950 Hermann Broch für den Literaturnobelpreis vor (s. nächste Buchempfehlung). Den gewann er allerdings - im Gegensatz zu Thomas Mann - nie, Broch starb im Mai 1951. Anm. d. Red.: Mißlbecks Tante Ernestine schrieb ein Buch über Hermann Broch.

Das Buch wurde 1953 posthum veröffentlicht, Broch hat es 1935 begonnen, als sich der 2. Weltkrieg bereits abzeichnete. Das Buch ist auch als Bergroman bekannt. Es ist eine sehr komplexe Geschichte. Die Hauptfigur Ratti kommt in ein Schweizer Bergdorf, durch seine mystische Art wigelt er die ganze Dorfgemeinschaft auf. Ratti hinkt - wie Josef Goebbels - und kann ungeheuer gut sprechen. Er bewegt die Dorfbewohner etwas zu tun, das man mit normalem Menschenverstand nie tun würde. Am Ende steht ein Ritualmord, dem sich niemand entgegenstellt. Wenn man das Buch mit den Reden Goebbels und was daraus entwurzelt wurde, vergleicht, ist das sehr erschreckend. Es ist zwar ein schwieriger Roman, aber höchst spannend und leider immer noch aktuell.

Der Roman, obwohl erst 2012 erschienen, zeichnet ein eindringliches Bild der Zeit des Nationalsozialismus in Österreich. Im Mittelpunkt steht ein Junge, der nach Wien kommt und dort bei einem Trafikanten arbeitet – jenem Mann, bei dem Sigmund Freud regelmäßig seine Zigarren kauft. Zwischen dem Jungen und Freud entwickelt sich eine besondere Freundschaft. Freud, selbst von der Verfolgung durch die Nationalsozialisten bedroht, gibt ihm Lebensratschläge. Doch als der Trafikant verhaftet wird, wird das drohende Unheil und der fortschreitende Entzivilisierungsprozess spürbar – aus Sicht eines Jungen, der mit Politik eigentlich nichts zu tun hat. Die Erzählweise ist wunderschön und hat mich tief bewegt. Der Roman wurde 2018 verfilmt!

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